Bücherverbrennung

Artikel vom Mo, 17. August 2015
http://www.rolandtichy.de/daili-es-sentials/buecher-brennen-wieder/
Bücherverbrennung, Berlin nicht 1933, sondern 1955: Tradition deutscher Diktaturen           „Bundesarchiv Bild 183-30858-001, Berlin, Bücherverbrennung“ von Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.
Bücherverbrennung, Berlin nicht 1933, sondern 1955: Tradition deutscher Diktaturen
Bundesarchiv Bild 183-30858-001, Berlin, Bücherverbrennung“ von Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.

Bücher brennen wieder in Bad Dürrheim: 3200 Bücher der Stadtbibliothek wurden  vernichtet. Fairerweise muss gesagt werden: Ob sie nur geschreddert oder gleich verbrannt wurden – das entzieht sich unserer Kenntnis.  Jedenfalls ging die Aktion ganz offensichtlich überfallartig, geplant und somit ohne Beteiligung der Bibliothekarin vor sich. Bücherei-Leiterin Regina Hofmann musste ihre Bibliothek noch schnell an ihrem 1. Urlaubstag aufsperren, dann zensierten Mitarbeiter des Regierungspräsidiums die Bestände. Alte Reiseführer oder Unausgeliehene, oder schmutzige Bücher traf es, so die Begründung; schließlich gehe es um eine „barrierefreie Ausgestaltung“ der Bibliotheken, wofür man Raum brauche.

 

Falsche Schreibweise wird ausgemerzt

In der Vergangenheit hatte Hofmann 500 Bücher aussortiert, um Platz für Neue zu schaffen. Aber diesmal ging es wohl nicht um die übliche  und nachvollziehbare Aktualisierung: Diesmal richtete sich die Aktion gegen Bücher mit  „falscher“ Schreibweise. Das sind solche, die beispielsweise das Wort „Neger“ enthalten. Es traf auch Erich Kästner, Autor so berühmter Kinderbücher wie „Das fliegende Klassenzimmer“, „Pünktchen und Anton“, „Das doppelte Lottchen“. Offenkundig gelten seine Bücher in Baden-Württemberg als Provokation und Verstoß gegen den staatlich verordneten Zeitgeist der schulischen Umerziehung zum politisch korrekten Menschen.

Dass Kinderbücher bereinigt werden – dieser Vorgang läuft seit einigen Jahren. Otfried Preußlers Kinderbücher-Klassiker wie „Die Kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ oder „Krabat“ werden „durchforstet“, so Verleger Klaus Willberberg vom Stuttgarter Thienemann-Verlag; dabei werden Begriffe wie „Negerlein“ gestrichen. Auch der Hamburger Verlag Friedrich Oetinger hat veraltete Worte wie „Neger“ und Zigeuner“ in allen Neuauflagen seit 2009 gestrichen, weil sie dem heutigen „Menschenbild und Sprachgebrauch nicht mehr entsprechen und missverstanden werden könnten“. Auch die Biene Maja wird in der Neufassung gegendert. Nun aber wird offensichtlich die Literatur auch rückwärts bereinigt; aus heutiger Sicht „falsche“ Bücher werden aus Bibliotheken verbannt.

Erich Kästner trifft es zum zweiten Mal

Das trifft Kästner übrigens nicht zum ersten Mal. Seine Bücher landeten schon auf den Scheiterhaufen der berüchtigten Bücherverbrennung der Nazis, die das intellektuelle Schriftgut Deutschlands plünderten, um jede Form des eigenen Denkens zu verhindern. Aber auch die darauf folgende Diktatur sah gerne brennende Literatur: “Schmutz- und Schundliteratur auf den Scheiterhaufen warfen die Schülerinnen, Schüler und Jungen Pioniere der 18. Grundschule in Berlin-Pankow (Buchholz) am Abend des Internationalen Kindertages 1955. Sie gaben damit den Auftakt für eine Welle von Elternversammlungen, in denen ein Verbot der Schund- und Schmutzliteratur für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik und Groß-Berlin durch ein Gesetzt gefordert wird”, das ist der Text der Allgemeinen Deutschen Nachrichtenagentur (ADN) der DDR zu unserem Beitragsbild.

Das “Wording” ist entscheidend

Literatur hat eben etwas subversives, verwirrt und veranlasst zum eigenständigen Denken. Konformität mit dem Zeitgeist ist das Maß der Dinge. Historisches Bewusstsein? Fehlanzeige, denn: “Richtige Schreibweise ist gerade für Kinder wichtig“, sagt Bücher-Verbannerin Christina Kälberer, um so die Aktion zu rechtfertigen. Auf die Idee, dass Literatur entsorgt werden muss, die nicht den neuen Rechtschreibregeln entspricht – darauf muss man erst mal kommen. Aber das Tor zur Hölle wird erst richtig weit geöffnet:  So sei außerdem das “Wording”, also die Begrifflichkeit, in einigen Büchern nicht zeitgemäß. Christina Kälberer nennt etwa das Wort „Neger“, das noch in Klassikern vorkomme, berichtet der Südkurier. Jetzt leisten offensichtlich die grün-roten Politkommissare im Gender-Land ganze Arbeit bei der beabsichtigten Umerziehung.

Vorsicht: Ironie

Allerdings gibt es auch gute Nachrichten. Wir können davon ausgehen, dass die neue Form der Bücherverbrennung ökologisch rückstandsfrei und CO2-neutral vor sich geht sowie in einer Anlage, die nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz subventioniert wird. Vermutlich wurde die Entzündung der Bücher mittels eines Sonnenspiegels vorgenommen und erfolgte in einer Anlage mit energieeffizienter Kraft-Wärme-Kopplung. Daran sieht man: Die Nazis mit ihren Scheiterhaufen waren einfach nur ein Haufen Primitivlinge und der Fortschritt bricht sich unaufhaltsam Bahn. Auch die Bibliothek der verbrannten Bücher schwillt wieder mächtig an. Sollten Sie in Ihrem Bücherschrank noch ältere, zerfledderte, aber originale Ausgaben von einem Doppelten Lottchen, Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer oder vom Räuber Hotzenplotz finden, so empfehlen wir: Aufbewahren, aber an einem Ort, der nicht unmittelbar einsehbar ist. Sie müssen ja nicht so weit gehen wie Hans Herbert Grimm, der Verfasser des 1928 erschienen Anti-Kriegs-Romans “Schlump”: Er hat sein Manuskript zu Zeiten von Nazis und DDR eingemauert, wo es erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde.

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